«Die Wirtschaft hat an Glaubwürdigkeit verloren»
Andreas Zivy über seine Wahl in den Vorstand von Handel Schweiz, die Bilateralen und die Frage, warum sich Unternehmerinnen und Unternehmer wieder stärker engagieren müssen.
Herr Zivy, Sie sind neu in den Vorstand von Handel Schweiz gewählt worden. Was hat den Ausschlag für Ihre Kandidatur gegeben?
Ich habe mich über die Anfrage sehr geehrt gefühlt. Gereizt hat mich vor allem die Aussicht, mich bei einem Thema einbringen zu können, das mir wichtig ist – die bilateralen Verträge. Das ist für unser Unternehmen zentral, aber auch für mich persönlich. Ich bin ein dezidierter Befürworter dieses Wegs. Als sich die Möglichkeit ergab, hier konkret etwas beizutragen, hat mich das gereizt.
Sie sind seit vielen Jahren Mitglied bei Handel Schweiz. Wie sehen Sie den Verband von aussen – wo liegen die Stärken?
Eine grosse Stärke von Handel Schweiz ist die klare Positionierung, gerade in europapolitischen Fragen wie den Bilateralen. Das ist bei Wirtschaftsverbänden leider nicht selbstverständlich. Mir gefällt diese Klarheit und ich finde es richtig, dass Handel Schweiz bei economiesuisse mit am Tisch sitzt. Ehrlich gesagt kannte ich die Aktivitäten lange zu wenig im Detail. Unser Geschäft ist stark international ausgerichtet, deshalb waren wir in der Verbandsarbeit nie sehr präsent. Umso mehr freue ich mich, das jetzt zu ändern.
Wo könnte Handel Schweiz – und die Wirtschaft insgesamt – noch wirksamer werden?
Was mir seit langem auffällt: Die Wirtschaft hat an Glaubwürdigkeit verloren. Das hängt auch damit zusammen, dass viele Führungskräfte sich nicht mehr politisch einbringen wollen. Ich erinnere mich an ein Gespräch, in dem mir ein Verantwortlicher sagte, man wolle sich nicht exponieren, weil ein Grossteil der Aktionäre aus dem Ausland komme. Das hat mich getroffen, und ich halte es für falsch.
Mir ist einmal in einem anderen Kreis ein guter Vorschlag begegnet: Jede Unternehmerin, jeder Unternehmer sollte ein paar Mal im Jahr an einer öffentlichen Veranstaltung – einer Gemeinde- oder Parteiversammlung – das Wort ergreifen und als Stimme der Wirtschaft auftreten. Genau das fehlt uns. Vielleicht ist das etwas, das wir im Vorstand diskutieren sollten: dass wir alle wieder sichtbarer werden.
Sie sprechen von fehlender Sichtbarkeit. Woran liegt das?
Wir haben uns über Jahre zu wenig eingebracht. Alt Ständerat René Rhinow hat das einmal treffend gesagt: Man kann nicht im letzten Moment eine Kampagne fahren und erwarten, dass man gewinnt. Man muss den Boden lange vorbereiten – über Jahre erklären, was etwa die Bilateralen konkret bedeuten. Viele Menschen wissen gar nicht genau, worum es geht. Selbst in meinem eigenen Umfeld wurde ich gefragt, warum ich mich für einen «so langweiligen Vertrag» engagiere. Meine Antwort war: Weil es einer der wichtigsten Verträge ist, die wir in der Schweiz haben.
Wie konkret betrifft die Personenfreizügigkeit ein Handelsunternehmen wie Ihres?
Sehr direkt. Wir bearbeiten die EU-Märkte heute zentral aus der Schweiz. Fiele die Personenfreizügigkeit weg, müssten wir vieles wieder entflechten – Strukturen, die heute schlank an einem Ort gebündelt sind, müssten neu über verschiedene Standorte verteilt werden. Dazu kommt der Marktzugang: Wir können heute innerhalb der EU importieren, exportieren, zwischenlagern und die Mehrwertsteuer abwickeln – und das alles von der Schweiz aus koordinieren. Dieser Vorteil stünde auf dem Spiel. Für ein physisch handelndes Unternehmen, das Ware von A nach B bringt, ist das existenziell.
Sie engagieren sich auch ausserhalb des Verbands für diese Themen.
Ja. Ich leite eine kleine Stiftung, die sich für demokratische Anliegen einsetzt, und bin beim Projekt «Erfolgreiche Schweiz» dabei. Das ist eine überparteiliche Bewegung, die zeigen will, dass es in der Schweiz viele Stimmen gibt, die hinter einem offenen, partnerschaftlichen Verhältnis zu Europa stehen. Wir verstehen uns nicht als Konkurrenz zu Verbänden oder Parteien, im Gegenteil. Es geht darum, dass möglichst viele Menschen sichtbar Position beziehen.
Wenn Sie einmal auf Ihre Zeit im Vorstand bei Handel Schweiz zurückblicken, was wäre für Sie ein Erfolg?
Wenn wir die Abstimmung zu den Bilateralen gewinnen, wäre für mich alles andere zweitrangig. Das wäre das Wichtigste.

Zur Person
Andreas Zivy (geb. 1955) führte die international tätige Ameropa Holding AG während 15 Jahren als Verwaltungsratspräsident in dritter Generation und ist neu im Vorstand von Handel Schweiz. Seit Jahren engagiert er sich für die liberale Demokratie als Präsident der Demokratie Stiftung Basel und Initiant der überparteilichen Aktion «Erfolgreiche Schweiz».
2025 ist im Schwabe Verlag sein Buch «Die dekonstruierte Gesellschaft oder das Ende der Aufklärung» erschienen, ein pointierter Weckruf und Plädoyer für die Rettung der Demokratie.